Die Aula Regia in Aachen

Projektkoordination: Judith Ley

Karolingische Königshalle und spätmittelalterliches Rathaus – Bauforschung und Architekturgeschichte (DFG)


 


   Das Rathaus der Stadt Aachen birgt in seiner Bausubstanz einen der bedeutendsten mittelalterlichen Herrschaftsbauten des deutschsprachigen Raums. Auf die Aula Regia, die Königshalle Karls des Großen, zurückgehend, wurde dieser Palastbau für die Aachener Krönungsfeierlichkeiten der deutschen Könige mehrfach tiefgreifend restauriert und entsprechend den Repräsentationsansprüchen der jeweiligen Zeit umgebaut.


   Der aus dem Ende des 8. Jahrhunderts stammende karolingische Ursprungsbau bestimmte nicht nur die Tradition des Ortes sondern auch die Ausmaße des Gebäudes. So steht das Aachener Rathaus noch heute auf den Fundamenten der karolingischen Halle, deren Hauptapsis der halbrunde Marienturm markiert. Ihm gegenüber erhebt sich auf der Ostseite des Gebäudes der Granusturm, der im Mittelalter aufgrund seines direkten Bezugs zur Halle als “turris regia” oder “saltorn” bezeichnet wurde. Mit seinen bis zu einer Höhe von ca. 20 m reichenden vier karolingischen Geschossen handelt es sich nicht nur um den am höchsten erhaltenen Teil der Regia sondern auch um den einzigen noch aufrecht stehenden karolingischen Profanbau überhaupt. Über seine ursprüngliche Funktion kann bis heute jedoch nur spekuliert werden. Fragen wirft vor allem die einzigartige komplexe Gliederung der Räume und Treppenläufe im Turminneren auf.


   Ihre erste maßgebliche Umgestaltung erfuhr die Halle vermutlich in der Romanik, als Aachen zum Krönungsort der deutschen Könige avancierte. Ob, wie angenommen, das aufgehende durch Blendarkaden gegliederte Mauerwerk der Hauptapsis und die Fundamente der Mittelpfeiler aus dieser Zeit stammen, muss durch weitere Untersuchungen im Projekt belegt werden. Die aufgrund der Pfeiler angenommene Zweigeschossigkeit verweist auf die entsprechende Gliederung bekannter romanischer Palasbauten.


   Selbst als die Stadt im 14. Jahrhundert das inzwischen wieder baufällige Gebäude übernahm und zum Rathaus umbaute, wurde die ältere Palastfunktion durch die Integration eines eindrucksvollen Festsaals für die Krönungsfeierlichkeiten und die Errichtung einer prunkvollen figurengeschmückten Fassade weiter tradiert. Die Kombination dieser beiden Funktionen begründet die herausragende Stellung des gotischen Baus. Seine Formengebung orientierte sich gleichermaßen an deutschen und französischen Schlossbauten und hatte schließlich eine Vorbildwirkung für zahlreiche brabanter Rathäuser.


   Der stets hohe machtpolitische Rang des Ortes lässt erwarten, dass die Entwicklung gerade dieses Gebäudes besonders deutlich widerspiegelt, wie der Bautyp des herrschaftlichen Saalbaus von der Antike bis zum Ausgang des Mittelalters modifiziert wurde. Trotz dieser Bedeutung sind eine systematische Untersuchung und Analyse seiner Baussubstanz wie auch eine kritische Interpretation seiner immer wieder veränderten Formensprache bis heute Desiderate der Baugeschichte.


   Ziel ist daher für das seit Januar 2011 von der DFG geförderte dreijährige Forschungsprojekt eine zusammenhängende bauhistorische Erforschung des mittelalterlichen Gebäudes und seiner Veränderungen. Basierend auf einer modernen Baudokumentation in Kooperation mit dem “Investitionsprogramm nationale UNESCO-Welterbestätten: Pfalzenforschung aus der Perspektive der Bauforschung” am Lehr- und Forschungsgebiet Denkmalpflege und der Auswertung mehrerer früher begonnener, zumeist aber unpublizierter Dokumentationen aus dem 19. und 20. Jahrhundert sollen zunächst fundierte Rekonstruktionsvorschläge für die unterschiedlichen Bauzustände erarbeitet werden. Dabei spielt die jeweilige Einbindung des Gebäudes in die Pfalzanlage eine maßgebliche Rolle.


   Welche Stellung die Aachener Aula in der Entwicklung herrschaftlicher Architektur in Europa einnahm, soll schließlich durch eine Gegenüberstellung mit anderen antiken wie mittelalterlichen Saal- und Palastbauten herausgearbeitet werden. Hierbei geht es gleichermaßen um die Konzeption zeremonieller Raumprogramme, die ikonografische und ikonologische Deutung der Formensprache wie auch die Herleitung der angewandten, oft komplexen baukonstruktiven Lösungen.


   Das Projekt ist in den „Arbeitskreis Pfalzenforschung Aachen“ eingebettet, in dem alle im Pfalzgebiet arbeitenden Einrichtungen zum unkomplizierten und schnellen wissenschaftlichen Informationsaustausch zusammengeschlossen sind. Die Aachener Gruppe steht darüber hinaus in regem Kontakt mit der Forschungsgruppe der Pfalz Ingelheim und anderer in die Pfalzenforschung involvierten Institutionen. Auf diese Weise wurde ein Forum geschaffen, auf dessen Grundlage die interdisziplinäre und überregionale Diskussion der Ergebnisse der Pfalzenforschung weiter ausgebaut werden kann.


   Innerhalb des Forschungsprojektes werden Seminare und Bauaufnahmen für Studenten angeboten.


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