Bachelor

Architekturgeschichte: Die Pflichtlehre im Bachelor und ihre Methodik


   Das Fach Architekturgeschichte ist mit fünf Pflichtfächern (4 Vorlesungen, 1 Übung) im Bachelorstudium der Architektur breit verankert. Dies gibt den Aachener Studierenden die Möglichkeit, sich das in den historischen Bauten versammelte architektonische Wissen über mehrere Semester hinweg ausführlich für ihre eigene kreative Tätigkeit zu erschließen und anzueignen.


   Die Lehrveranstaltungen im Bachelorstudium sind so konzipiert, dass sich sowohl die Inhalte als auch die Methoden in der Vermittlung von Wissen und Analyse-/Verständniskompetenzen systematisch in der Komplexität steigern. Als Konstante steht stets das konkrete Bauwerk im Mittelpunkt der Betrachtung und wird zum Ausgangspunkt für die Erkenntnis allgemeingültiger und epochenübergreifender typologischer Prinzipien und Ausdrucksgesten der Architektur gemacht.


   Das Lehrkonzept manifestiert sich in der Kombination einer systematischen Grundlehre (1.-3. Sem. BA) mit einer forschungsorientierten Vertiefungslehre (4.-6. Sem. BA). Während die Grundlehre sich der historischen Architektur in der Art eines umfassenden Überblicks sowohl chronologisch als auch thematisch-diachron nähert, spiegelt die Vertiefung spezielle Einzelthemen, wie sie sich in den aktuellen Forschungsvorhalben manifestieren, gleichsam “tagesfrisch”.


 


BA 1./2. Semester

VL Architekturgeschichte: Bautypen und Bauformen


Aufbau: chronologisch


Methode: typologisch-beschreibend


Ziel: Erkennen übergeordneter architektonischer Prinzipien und Ausdrucksformen und deren ikonologischer Bedeutung; Vermittlung von Grundlagen für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit historischer und zeitgenössischer Architektur; systematische Erarbeitung des bauhistorischen Vokabulars


   Die zweisemestrige Vorlesungsreihe „Architekturgeschichte: Bautypen und Bauformen“ ist chronologisch angelegt und führt anhand je einer charakteristischen Bauaufgabe (Griechischer Tempel, Frühchristliche Basilika, Renaissancepalast etc.) in die wichtigsten historischen Typologien und Organisationsformen der Architektur vom Beginn der europäischen Monumentalbaukunst bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein.


   Über die Betrachtung von Herausbildung, Etablierung und Wiederkehr der grundlegenden historischen Typologien der Architektur erhalten die Studierenden zugleich wie selbstverständlich einen Überblick über die wichtigsten Epochen und Stilzuweisungen der Architekturgeschichte und erlernen die begrifflich präzise Beschreibung und Analyse gebauter Formen. Dabei liegt der Schwerpunkt weniger auf Detailwissen und Datenkenntnis. Vielmehr werden Kategorien und Kriterien vermittelt, anhand derer die Studierenden qualitätvolle Architektur von bloßem Bauen zu unterscheiden lernen. Ihr Blick für epochenübergreifende Architekturtypologien, Bauideen und Baugesten wird geschärft, so dass sie lernen, hinter den Masken der Stile die Gesichter der Architektur zu erkennen. Ziel ist es, die architektonische Urteilskraft der Studierenden zu stärken und ihnen die historische Baukunst als Inspirationsschatz für ihre eigene Entwurfstätigkeit zu erschließen.


   Der griechische Tempel • Die Säulenordnungen • Bautypen der römischen Stadt • Das römische Wohnhaus • Das antike Theater • Die antike Therme • Die frühchristliche Basilika • Die frühromanische Kirche • Die hochromanische Kirche • Das Kloster • Die gotische Kathedrale • Der Renaissancepalast • Die Renaissancevilla • Der Renaissancegarten • Die Zentralbaukirche der Renaissance • Der Kirchenbau der Gegenreformation • Die spätbarocke Votivkirche • Die protestantische Predigtkirche • Die barocke Klosterresidenz • Das Barockschloss • Der Barockgarten • Der Landschaftsgarten • Das klassizistische Museum • Bautypen des 19. Jahrhunderts


BA 3. Semester

VL Elemente der Architektur


Aufbau: diachron/epochenübergreifend


Methode: thematisch-vergleichend


Ziel: Erkennen der Bedeutungsfacetten architektonischer Grundelemente über die Epochen hinweg


   Über alle Epochen hinweg ist die Architektur durch die Beständigkeit ihrer konstituierenden Grundelemente gekennzeichnet. Die Vorlesung nimmt die Funktion, Form und Bedeutung zentraler Elemente wie Fassade, Eingang und Treppe epochenübergreifend in den Blick. So werden etwa die Funktionen und Bedeutungskonnotationen der Fassade thematisiert: als repräsentatives „Antlitz“ (zuweilen in anthropomorpher Überspitzung), als Zeichen zur Charakterisierung von Gebäudefunktion und Bauherrenstatus, als Schutzschild oder verzahnendes Element von Innen und Außen, oder auch als gezielt negiertes oder gar abwesendes Bauteil.


   Hierdurch soll ein Architekturverständnis vermittelt und begründet werden, das um die historische Bedingtheit architektonischer Formen weiß, ohne darüber den überzeitlichen Charakter der Architektur und ihrer konstituierenden Elemente aus den Augen zu verlieren.


   Fassade • Eingang • Fenster • Wand • Treppe • Ecke • Boden • Decke • Dach • Stütze u.a.


BA 4. Semester

VL Das 20. Jahrhundert: Eine Architekturgeschichte in zwölf Bauwerken


Aufbau: chronologisch


Methode: monografisch-interpretierend


Ziel: Vermittlung von Kriterien zum Erkennen und Begründen architektonischer Qualität; systematischer Überblick über die architektonischen Themen und bautechnischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts


   Die Vorlesung Architekturgeschichte im 20. Jahrhundert setzt die Methodik der ersten zwei Semester insofern fort, als dass sie die Betrachtung konkreter Bauwerke dazu nutzt, allgemeine Neuerungen und Entwicklungen in der Architekturgeschichte zu beschreiben.


   Das 20. Jahrhundert, seine Gesellschaft und deren kulturelle Hervorbringungen sind durch die rapide Entwicklung neuer technischer Möglichkeiten bestimmt. In der Auseinandersetzung mit ihnen verarbeitet auch die Architektur einschneidende Neuerungen. Baumaterialien, Baukonstruktionen, Bauaufgaben und Bauprozesse wandeln sich. Sie regen Experimente mit dem Raum und der Komposition an und bewirken ganz allgemein Veränderungen der architektonischen Ausdrucksmittel und Darstellungsabsichten.


   Anhand von zwölf ausgewählten Einzelbauwerken zeigt die Vorlesung exemplarisch auf, wie die Baukunst auf die Innovationen des 20. Jahrhunderts reagiert und sie in den Dienst nimmt. Von den konkreten Bauwerken ausgehend werden Perspektiven auf das Zeitgeschehen und den gesellschaftlichen Kontext eröffnet sowie u.a. auf die unterschiedlichen inhaltlichen und formalen Strömungen in der Architektur, auf zentrale Architekten- und Bauherrenpersönlichkeiten, auf neue Formen der Architekturdarstellung sowie auf Fragen der Rezeptionsgeschichte.


   Die gründliche und detaillierte Betrachtung je eines individuellen und herausragenden Architekturbeispiels soll dabei gewährleisten, dass neben der Betrachtung der zeitspezifischen Innovationen der Blick für die Konstanten nicht verloren geht, aufgrund derer sich zu allen Zeiten qualitätvolle Architektur vom bloßen Bauen unterscheidet. Das Ziel besteht insbesondere nicht darin, die Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts als von der architekturhistorischen Tradition losgelösten Fortschrittsprozess zu beschreiben. Vielmehr erfolgt vor der Folie aller Neuerungen eine Sensibilisierung für das Gleichbleibende, Beständige in der Architektur, für ihre überzeitlichen, mit unserer spezifisch menschlichen Daseinsform verbundenen Grundfragen, zu deren Lösung indes jedem Zeitalter andere Mittel zur Verfügung stehen.


   Das Guaranty Building (L. H. Sullivan) • Die Wiener Postsparkasse (O. Wagner) • Das Robie House (F. Lloyd Wright) • Die AEG Turbinenfabrik (P. Behrens) • Das Bauhausgebäude (W. Gropius) • Die Van-Nelle-Fabrik (L. van der Vlugt) • Die Villa Savoye (Le Corbusier) • Die Unité d`habitation (Le Corbusier) • Die Wallfahrtskirche in Neviges (G. Böhm) • Das Farnsworth House (L. Mies van der Rohe) • Das Vanna Venturi House (R. Venturi) • Das Centre Pompidou (R. Piano, R. Rogers, G. Franchini)